Pressemitteilung: Pilotentraining im Krankenhaus?

Herzoperationen werden noch sicherer mit OP-Simulator Piloten trainieren am Simulator, Notärzte auch. Denn richtiges Handeln in extremen Situationen kann man nicht aus Büchern lernen, man muss es üben – ohne dabei Passagiere oder Patienten zu gefährden. Jetzt wurde „CardioSim“ entwickelt, der erste Simulator für eine der komplexesten Behandlungen überhaupt: die extrakorporale Zirkulation während einer Herzoperation. Für Piloten ist das Training am Flugsimulator vorgeschrieben. Nur so können sie am Boden lernen, in Extremsituationen schnell und richtig zu reagieren. In der Luft kann davon das Leben Hunderter Passagiere abhängen. Extreme Situationen gibt es aber auch in der Medizin. So nutzen Rettungsmediziner und Narkoseärzte seit einigen Jahren komplexe Simulatoren in der Aus- und Weiterbildung. Doch eine der komplexesten Behandlungen überhaupt, die extrakorporale Zirkulation, also die komplette Übernahme der Herzkreislauffunktion eines Patienten, stand bisher eher am Rande des Interesses. Jedes Jahr werden in Deutschland fast 150.000 Patienten am Herzen operiert, mehr als 95.000 davon unter dem Schutz der Herz-Lungen-Maschine, gesteuert von einem Kardiotechniker. Während der Operation, wenn der Chirurg Herz und Lunge vom Kreislauf trennt, sorgt dieser dafür, dass das Blut des Patienten außerhalb seines Körpers von Kohlendioxid befreit, mit Sauerstoff angereichert, entschäumt und gefiltert wird und den „restlichen“ Organismus versorgen kann. Dabei steuert er nicht nur den Blutdruck und den Gasaustausch, sondern auch den Säure-Basen-Haushalt, die Elektrolytbalance und manchmal sogar die Narkosetiefe. „CardioSim“ stellt kritische Situationen nach, die während einer extrakorporalen Zirkulation am Patienten oder an der Herz-Lungen-Maschine auftreten können: Schläuche knicken ab, Kanülen verdrehen sich, Luft dringt in die venöse Abführung ein, Kühlwasser tritt in den Blutstrom über, Blutfilter verstopfen, Gasmembranen schlagen leck, der pH-Wert entgleist. Alles extrem seltene Zwischenfälle, die aber sofortiges Handeln erfordern, wenn der Patient keinen Schaden erleiden soll. Jeder Handgriff wird aufgezeichnet und ausgewertet. Doch der Simulator wird nicht nur für Sicherheitstrainings eingesetzt, sondern auch in der Ausbildung von Ingenieurstudenten zum Kardiotechniker. Es ist weiter geplant, ihn als Plattform für Forschung und Innovationen in der extrakorporalen Zirkulation zu nutzen. Entwickelt wurde „CardioSim“ am Zentrum für Angewandte Simulation der FH Furtwangen, Abteilung Villingen-Schwenningen, unter der Leitung von Professor Dr. med. Dipl.-Ing. (BA) Gerd Haimerl in Kooperation mit der Abteilung Herz- und Gefäßchirurgie des Universitätsklinikums Freiburg (Prof. Dr. med. F. Beyersdorf/ Dipl.-Ing. C. Benk). Das Vorhaben wird gefördert vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg und von der Deutschen Gesellschaft für Kardiotechnik e. V. Anlässlich einer Fachtagung von ca. 230 Herzspezialisten aus dem In- und Ausland vom 5.-7. Mai 2005 in Celle wird CardioSim den Kardiotechnikern als klinischen Anwendern in wissenschaftlichen Vorträgen vorgestellt. Weitere Themen der 34. Internationalen Fortbildungs- und Arbeitstagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiotechnik e. V. sind mechanische Herzunterstützungssysteme (Kunstherzen) und implantierbare Defibrillatoren.

Holger Zorn, Mai 2005