Zeitschrift Kardiotechnik
KARDIOTECHNIK 2021/3; 030(3):094–094
DOI: https://doi.org/10.47624/kt.030.094

Editorial KARDIOTECHNIK 2021/3


Liebe Leserinnen und Leser,

in einem Editorial der Zeitschrift „Nature“ vom 28. Juli dieses Jahres konnte man nachlesen, dass das Fehlen farbiger Menschen in Wissenschaftsbildern thematisiert werden sollte. Der Aufhänger war eine bekannte Krise der Gemeinde Flint in Michigan, in der seit 2014 die massiv bleihaltigen kommunalen Wasserleitungen ausgetauscht werden mussten. Möglich machten das damals Umweltaktivisten, die Wissenschaftler davon überzeugten, abertausende Blutproben der Bürger auf das Neurotoxin Blei zu analysieren. So konnten gesundheitliche Folgen klar aufgedeckt werden. Als die „Nature“-Redaktion Bilder für ihr Editorial suchte, fielen ihr die kaum vorhandenen Bilder farbiger Wissenschaftler auf [1]. Man hätte meinen können, dass solche Unterschiede heute nicht mehr bestehen. Doch offensichtlich gibt es noch viel zu tun.

Auch in der Herz-Kreislaufmedizin gibt es, politisch bedingt, vergessene Pioniere. Da waren die Kollegen östlich des Eisernen Vorhangs, die die Grundzüge der extrakorporalen Zirkulation parallel zu den USA entwickelten, was lange nicht bekannt war. Auch westlich des Eisernen Vorhangs wurden, politisch bedingt, Personen hinter Frontmännern lange geflissentlich übersehen, die direkt mit dem über 60-jährigen Jubiläum der EKZ und dem 50-jährigen Jubiläum der Kardiotechnik und Herzchirurgie zusammenhängen. So hatte Christian Banard in den 1950er Jahren die Techniken der EKZ und Herztransplantation bei Norman Shumway in den USA gelernt. Umsetzen konnte er sie dann in Kapstadt nur, weil ein begnadeter Nichtmediziner die ganzen operativen Schritte im Tiermodell gemeinsam mit Banard zuvor erprobt hatte. Hamilton Naki, ein gelernter Gärtner, der an der Universität von Kapstadt arbeitete, wurde später chirurgischer Mitarbeiter und brachte neben Banard zahlreichen jungen Ärzten chirurgische Techniken bei. Von seiner begnadeten Fingerfertigkeit profitierten Generationen von Ärzten. Als Farbiger und Opfer der Apartheid wurden seine Verdienste lange Zeit nicht gewürdigt und er blieb Zeit seines Lebens Laborassistent. 2003 wurde ihm dann endlich ein Ehrentitel der Medizin verliehen [2].

Ich durfte interessanterweise in den 1990ern den kardiotechnischen Kollegen kennenlernen, der damals bei der ersten Transplantation in Kapstadt die EKZ des Spenders gesteuert hatte. Damals wurden auch die Spender an die HLM angeschlossen. So tragen wir Perfusionisten damals und heute dazu bei, dass Patienten sicher versorgt werden und Lebensqualität zurückbekommen. Das kann direkt im OP-Bereich sein, wo wir uns als Team um die Patienten kümmern. Das kann in der Ausbildung der Perfusionisten mit allen Möglichkeiten moderner Lehre erfolgen. Oder es findet in der Forschung statt, von der die Patientenversorgung auch profitiert, weil wir therapeutische Konzepte verbessern.

So können wir auch in dieser Ausgabe erneut Facetten von Ausbildung und Forschung kennenlernen: Die Vorbereitung und auch Betreuung von Patienten mit mechanischen Kreislaufunterstützungssystemen hat für die Kardiotechnik eine zunehmende Bedeutung. Neben der reinen Technik des Medizinproduktes sind fundierte Kenntnisse der Pathophysiologie und eine interdisziplinäre Abstimmung aller Disziplinen entscheidend für eine sichere Versorgung der Patienten. So fanden aktuell insgesamt acht Fachgesellschaften inklusive der Deutschen Gesellschaft für Kardiotechnik einen Konsens über ein einheitliches Ausbildungsmodul für Extracorporeal Life Support. Das Konsenspapier haben wir unter anderem auch in dieser aktuellen Ausgabe der KARDIOTECHNIK publiziert. Trotz einer hohen Versorgungsqualität, die auch von einer sicheren und schonenden extrakorporalen Zirkulation abhängt, sollten deren Grundlagen immer wieder hinterfragt werden. Die Hypothermie, die der Mensch biologisch eigentlich nicht kennt, wird in der Herzchirurgie und Intensivmedizin zum Schutz der Patienten immer noch benötigt und muss deswegen auch noch verstanden werden. In einem Artikel der Erlanger Kolleginnen und Kollegen können Sie eine interessante Übersicht und aktuelle Berechnungen zur Hypothermie lesen.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen dieser Ausgabe

Johannes Gehron





  1. The lack of people of colour in science images must be fixed. Nature. 2021;595(7869): 626. doi: 10.1038/d41586-021-02036-1.
  2. Kapp C. Hamilton Naki. The Lancet. 2005;366(9479): 22. doi: 10.1016/S0140-6736(05)66811-0.