Extrakorporale Verfahren für COVID-19-Patienten bisher wenig genutzt

Berlin – In Zeiten der COVID-19-Pandemie fokussieren sich Therapeuten in jüngster Zeit auf die Schlüsselfrage, wie die überschießende Immunantwort des Körpers abzuwenden wäre, wenn die ersten Linien der Immunabwehr bereits versagt haben. Oder wie der Kör­per von der Last der inflammatorischen Mediatoren – dem Zytokinsturm – und nicht zu­letzt von den Viren selbst befreit werden könnte.

Daher kommen immer häufiger extrakorporale Verfahren ins Spiel, die in unterschiedli­cher Weise als Filter- und Adsorptionssystem wirksam werden können. „Das ist nicht zu­letzt deshalb entscheidend, weil zum Beispiel 20 bis 30 % der Patienten auf der Intensiv­station wegen ihrer eingeschränkten Nierenfunktion für eine Remdesivirtherapie über­haupt nicht infrage kommen“, erläuterte Jan T. Kielstein, Chefarzt der Nephrologie, Blut­reinigung & Rheumatologie am Städtischen Klinikum Braunschweig.

Dort hat man aktuell bereits mehrere COVID-19 Patienten mit einem Verfahren behan­delt, das letztlich das Konzept verfolgt, das Virus zu eliminieren. „Wir müssen uns schließ­lich mit der Frage beschäftigen, was wir all jenen Kranken anbieten können, für die die derzeit favorisierten Medikamente kontraindiziert sind“, so Kielstein. In einer noch unveröffentlichten Übersichtsarbeit diskutiert Kielstein zusammen mit Kollegen aus Großbritannien die verschiedenen Apherese-Methoden und deren Vorteile bei COVID-19.

Einige Patienten sind in Braunschweig bereits erfolgreich mittels Virus-eliminierenden Verfahren behandelt worden (Seffer M-T, et al.: Heparin 2.0: A New Approach to the In­fec­tion Crisis). Die FDA hat am 17. April 2020 ein solches Device (Seraph 100) auch für die Elimination von SARS-CoV-2 ausdrücklich zugelassen. Ein eigens etabliertes Onlinere­gis­ter dient dazu, die klinische Wirksamkeit dieses Verfahrens zu dokumentieren (Clinical­Trials­.gov., Identifier NCT04361500).

„Viren aus dem Blut zu entfernen könnte zusätzlich zu anderen Maßnahmen sinnvoll sein, da eine Virämie bei gut 40 % der COVID-19-Erkrankten vorkommt. Die Menge der Virus-RNA korreliert mit der Höhe des Entzündungsmediators IL-6. Je mehr Virus-RNA im Blut ist, desto schwerer verläuft die Erkrankung“, erklärte Kielstein. Er betont, dass dieses Ver­fahren außerdem keinen Einfluss auf die Antibiotikawirkung hat.

Das System fängt über Heparin, das an einer ultrahochmolekularen, perlenartigen Poly­ethylenstruktur befestigt ist, verschiedene Pathogene ab. Bakterien, Viren, Pilze und Toxi­n­e binden daran ebenso, wie sie auch an Heparinsulfatstrukturen an Zelloberflächen bin­den. Eine solche Verbindung ist irreversibel und kann so die Erreger aus dem Blutstrom entfernen. Neben der Elimination der Viren selbst, werden weitere Vorteile diskutiert, wie sie auch von anderen Apherese-Verfahren bekannt sind.

Beate Roxane Jaeger, die Leiterin des Lipidzentrums Nordrhein in Mühlheim an der Ruhr, schlägt daher ebenfalls ein extrakorporales Verfahren zur COVID-19-Therapie vor – ins­be­sondere, um die Mikrozirkulation der Lunge zu erhalten. Das von ihr favorisierte Ver­fahren ist die Heparin-induzierte Extrakorporale LDL/Fibrinogen-Präzipitation oder HELP-Apherese.

Diese deutsche Entwicklung wurde hier seit 1984 als ultima ratio zur Behandlung der Arteriosklerose eingesetzt. Als Väter gelten Dietrich Seidel, der frühere Ärztliche Direktor am Klinikum Großhadern in München, und Heinrich Wieland, ehemals Professor am Ins­ti­tut für Klinische Chemie am Universitätsklinikum in Freiburg (1991; European Journal of Clinical Investigation; DOI: 10.1111/j.1365-2362.1991.tb01384.x).

Die HELP-Apherese zielt primär auf Patienten mit schwerster, sonst therapierefraktärer Hypercholesterinämie und koronarer Herzkrankheit ab (2009; Nature Clinical Practice Cardiovascular Medicine; DOI: 10.1038/ncpcardio1456 und 2003; Therapeutic Apheresis and Analysis; DOI: 10.1046/j.1526-0968.2003.00072.x). Später wurde sie unter anderem auch zur Prävention und Therapie der graft vessel disease nach einer Herztransplantation und zur Therapie der Hyperlipoproteinämieerfolgreich eingesetzt ….

aerztebatt.de, 24. Juni 2020


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